Senioren - Laila

Heute ist der 24. Dezember 2014 und ich darf mit meinem Frauchen einen Weihnachtsbesuch im Altersheim machen. Eigentlich hatte ich schon Feierabend und dann kann mein Frauchen und weckte mich aus meinen Nickerchen und sagt zu mir „Laila, du musst mir helfen! Der Herr, den ich heute besuche, ist sehr traurig. Er hat sich ganz in sich selbst zurückgezogen und reagiert heute auf nichts“. Ich lass mich ja nicht lange betteln, im Gegenteil, ich freue mich ja so sehr, wenn ich mit Patricia mit darf! Als ich den Mann gesehen habe, von dem die Rede war, konnte ich Patricia einfach nicht verstehen, denn sobald der Mann mich gesehen hatte, hat er über das ganze Gesicht gestrahlt und mich „mein Liebling“ genannt. Er hat mir ganz viel erzählt und mich ganz lange gestreichelt, obwohl wir uns vorher noch gar nie getroffen hatten. Wir sind noch ziemlich lang dort geblieben und ich habe eigentlich gar nicht viel getan, ich habe mich zu dem Herrn neben den Rollstuhl gesetzt und noch mehr Streicheleinheiten bekommen. Klar, dass ich ihn als Dankeschön ganz lieb angeguckt habe – er war ja auch so lieb zu mir! Frauchen hat gelacht und etwas über mich und meinen Hundeblick gesagt – na – aber hallo! Natürlich hab ich einen Hundeblick, ich bin ja kein Kamel!
Auf dem Weg zum Auto hat mein Frauchen nur gesagt, dass ich eine Wunderwaffe für traurige Menschen bin und wie toll ich meine Arbeit gemacht habe. Nun, das freut mich immer noch, Vollprofi hin oder her – auf Lob springe ich echt gut an!
Das Kennenlernen mit dem „traurigen Mann“ ist genau eine Woche her. Heute ist Silvester und es recht sehr eigenartig und außerdem schon ziemlich laut. Das mag ich nicht so gerne, da es aber nicht so kalt ist, gehen wir gemeinsam mit dem netten Herren eine Runde spazieren. Mein Frauchen sagt, das ganz was besonders wäre, da der Herr das Haus sonst so gut wie nie verlassen würde. Kann ich mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen – wie langweilig wäre das denn? Wie auch immer - wir sind eine ziemlich große Runde gegangen, dabei haben mein Frauchen und der „traurige Herr“ - der, unter uns gesagt, gar nicht traurig ist - jeweils eine Leine in der Hand und ich tapse neben den Rollstuhl her. Ich kenne diese Dinger mit den Rädern und ich finde die auch nicht komisch, die sind wie Stühle – auch wenn ich mit einem Stuhl noch nie spazieren war. Allerdings weiß ich inzwischen auch, dass ich dann nicht rennen soll – was bin ich für ein kluger Hund! Der nette Mann hat immer geschaut, wo ich bin und auch viel mit mir geredet. Gemeinsam wir sind zur Sill gegangen und da hat der nette Mann dann erzählt, dass er früher mit einem Freund an der Sill entlang zu seinen Radtouren gefahren ist. Dann haben mein Frauchen und der nette Herr über seine und meine Hobbies gesprochen und über Sachen, die der nette Mann gerne mag. Ich versteh gar nicht, dass Patricia zu mir gesagt hat, dass der Mann nicht viel spricht und ich das nicht persönlich nehmen soll.
Mir hat die Stunde heute sehr gut gefallen und ich freue mich auf nächstes Mal.

Inzwischen war ich schon einige Male bei dem netten Herrn. Wir sind dicke Freunde geworden, er freut sich immer sehr, wenn er mich sieht! Tja, ich und mein Hundeblick… Seine Tochter hat den Chef von meinem Frauchen angerufen, um ihm zu sagen, wie toll sie es findet, dass ich den netten Herren besuchen gehe. Sie berichtet auch, dass der nette Herr den ganzen Tag von mir spricht, wenn ich da war. Wenn die Tochter am selben Tag nach meinem Besuch zu ihrem Vater kommt, erzählt der nette Herr, dass heute die Laila da war! Klar, wir verstehen uns ja bestens, doch stellt euch vor, die Tochter hat doch glatt in der Pflege nachgefragt, ob das stimmen könnte! Natürlich stimmt das, Leute! Aber anscheinend ist das für die Tochter etwas ganz besonderes, ein paarmal hat sie diese Beobachtung gemacht und dann nochmal den Chef angerufen. Voller Staunen habe sie gesagt, sie hätte sich das gar nicht vorstellen können, denn ihr Vater sei total vergesslich. Anscheinend weiß er oft nicht mal mehr, was vor einer Stunde passiert sei – aber meine Besuche merkt er sich. Das freut mich schon, denn wir haben immer eine schöne Zeit miteinander und ich mag ihn sehr. Jedenfalls haben alle zu mir gesagt, dass ich etwas verändert habe bei dem Herren - und dass es toll ist, dass ich komme. Nun, aber ganz ehrlich, ich komme ja gerne - ich weiß gar nicht was die alle haben. Allerdings gibt es manchmal Tage, die nicht so gut sind. Da hab ich das Gefühl, der nette Herr ist gar nicht da – das macht mich dann schon ein bisschen traurig. Doch auch an diesen Tagen schaffe ich es, ihm ein Lächeln und eine kleine Streicheleinheit zu entlocken! Vorher gehen wir nicht nach Hause, die Patricia und ich – und an diesen Tagen sind wir dann besonders stolz und freuen uns sehr!